„God does not live here, idiot“

Der diesjährige Caine Prize für Afrikanische Literatur geht an NoViolet Bulawayo aus Simbabwe. Auch eine ugandische Autorin war nominiert.

Der Caine Prize, der auch als der afrikanische Booker Prize bezeichnet wird, wird jährlich in Oxford vergeben. Dieses Jahr geht der mit 10.000 Pfund dotierte Preis an die Autorin NoViolet Bulawayo aus Simbabwe, die die Jury mit ihrer Kurzgeschichte Hitting Budapest überzeugte. Die Geschichte lässt tief in den Alltag einer Gruppe simbabwischer Kinder blicken: Sie haben es sich zur Gewohnheit gemacht, Guaven aus den Gärten der Wohlhabenden zu essen, wenn der Hunger sie aus ihrem Dorf in die Stadt treibt. Diese Gärten sind das Paradies, in dem feingliedrige Geschöpfe mit glatter, makelloser Haut und sauberen Füßen in weißen Häusern hinter hohen Zäunen ihrem vermeintlich sorgenfreien Leben nachgehen. Dass der Kontrast zum Alltag der Kinder nicht größer sein könnte, lässt sich zwischen den Zeilen herauslesen: Bastard trägt immer dieselbe schwarze Jogginghose. Stina weiß nicht, wie alt sie ist. Chipo rennt langsamer als die anderen, weil sie von ihrem Großvater schwanger ist. „Die Sprache in Hitting Budapest knistert. Wir treffen hier auf Darling, Bastard, Chipo, Godknows, Stina und Sbho, eine Gang, die an Clockwork Orange erinnert. Aber sie sind Kinder, arm und verwahrlost und hungrig. Es ist eine Geschichte mit moralischem Gewicht, die sich künstlerisch geschickt eines moralisierenden Kommentars enthält. NoViolet Bulawayo ist eine Autorin, die großes Vergnügen an Sprache findet“, so der Vorsitzende der Kommission Hisham Matar.

Ebenfalls nominiert waren zwei südafrikanische Autoren und eine ugandische Autorin, Beatrice Lamwaka. Ihre Kurzgeschichte Butterfly Dreams erzählt vom Zusammenleben einer Familie im Norden Ugandas. Die fünfzehnjährige Lamunu kehrt nach drei Jahren aus dem Rebellenkrieg zurück, der Schmetterlingsträume ihrer Mutter zum Trotz. Lamunu lässt ihr Lachen nicht mehr hören und spricht nicht mehr, aber sie setzt alles daran, die Schule zu beenden. Die Schule scheint in Beatrice Lamwakas Geschichte mit der Hoffnung auf Veränderung und Fortschritt gleichgesetzt, sie ist Lamunus Antwort auf ihr Leiden im Krieg. Mit ihrem Schulbesuch, den sie trotz widriger Umstände durchsetzt, setzt sie gleichzeitig ein leises, aber konsequentes Zeichen des Widerstandes.

Ex Africa semper aliquid novi

Das Motto des Caine Prize, Afrika bringt immer etwas Neues, ist Teil seines Programms. Die Autoren und Autorinnen auf der Shortlist werden zur Preisverleihung nach Oxford eingeladen, treffen sich in einwöchigen kreativen Workshops und bekommen so die Gelegenheit, sich auszutauschen und zu vernetzen. Dabei profitieren sie vom englischen Literaturbetrieb, der stärker institutionalisiert ist als der ihrer Heimatländer: Die nominierten Geschichten werden online und in Zeitschriften veröffentlicht, die Autoren und Autorinnen geben Interviews und halten Vorträge. So erhalten sie die Chance, ihre Geschichten einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Der Gewinner wird zudem jeweils für einen einmonatigen Gastaufenthalt an die amerikanische Georgetown University als ‚Caine Prize/Georgetown University Writer-in-Residence‘ eingeladen.

Der Preis trägt entscheidend dazu bei, auf Literatur aus dem afrikanischen Raum aufmerksam zu machen, selbst wenn kritisch zu sehen ist, dass der Sprachfilter – es werden ausschließlich englische Texte berücksichtigt – den Blick auf die Vielfalt afrikanischen Schreibens verzerrt. Denn obwohl Englisch in Afrika eine lange Tradition als Literatursprache besitzt, wird natürlich auch Prosa in den Hunderten afrikanischen Sprachen und Dialekten verfasst, die auf dem Kontinent gesprochen werden.

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Alle Kurzgeschichten auf der Shortlist werden jährlich in einem Sammelband veröffentlicht. Der Titel des diesjährigen Bandes ist ‚To See the Mountain and other stories‘, hrsg. von The Caine Prize for African Writing, New Intentionalist Publ., 2011. Erhältlich im Buchhandel.

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