Eindrücke von der Somero-Vernissage

Der Veranstaltungsraum des Afrika-Haus in Berlin-Moabit ist um kurz nach 17 Uhr schon gut gefüllt. Die Bilder, die die Somero-Stipendiatinnen im Rahmen eines Foto-Workshops geschossen haben, hängen an den Wänden. Das Besondere daran: einige der Mädchen hatten zum ersten Mal im Leben eine Fotokamera in der Hand. Mit den Bildern teilen sie Ausschnitte ihres Lebens in Kampala mit uns:  eine Familie beim gemeinsamen Kochen, Kinder in Schuluniform, eine junge Frau am Schreibtisch, die Oma bei der Essenszubereitung, einen jungen Mann, der Spiegel verkauft.

Nach einer Ansprache von Janna Rassmann und Daniel Heuermann und der Eröffnung des Buffets begrüßt Geofrey Nsubuga die Gäste. Der Koordinator von Somero Uganda ist für eine Woche in Berlin und berichtet aus erster Hand von der Arbeit im Somero –Center. Live-Musik mit Gitarre und Gesang trägt zur guten Stimmung bei. Es bleibt Zeit für gemütliches Beisammensein, Snacks und Gespräche. – Ein gelungener Abend.

Ein Foto und seine Geschichte

Nun ist es fast ein Jahr her, dass ich in Uganda war. Nicht zu fassen, wie schnell die Zeit vergeht. Namen und Orte beginnen zu verschwimmen und ich muss schon etwas länger nachdenken, um die Reiseroute im Kopf nachzuzeichnen. Und dann stolpere ich eines Abends beim Arbeiten an irgendetwas plötzlich wieder über den Ordner ‚Fotos Ostafrika‘. Ich halte inne, ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Nur eine Minute, denke ich, soviel Zeit muss ein. Und während mein Blick schnell über die Fotos schweift, nur um eine Übersicht zu bekommen und ohne einzelne Details wahrzunehmen, bleibt er mit einem Mal hängen.

„That’s our primary school“ sagt Geofrey hinter mir. Eigentlich sieht das Gebäude der öffentlichen Grundschule aus wie alle anderen in Kawempe, einem Township in der ugandischen Hauptstadt Kampala. Wellblech, Holz, Beton und bröckelnde, bunte Farbe – alles in allem nichts ungewöhnliches hier. Und doch bleibe ich stehen, denke unwillkürlich an meine eigene Grundschule in Ostwestfalen. Mir fällt unsere Schulklingel wieder ein, die damals durchdringend das Ende des Schultages und damit den Beginn der ersehnten Freizeit einläutete. Wer oder was läutet hier eigentlich den Schulalltag ein und aus? Ich frage Geofrey. Der lacht und erklärt mir, dass der Schultag unregelmäßig beginnt und endet und ob der Unterricht tatsächlich stattfindet ohnehin davon abhängt, ob der Lehrer oder die Lehrerin genug Geld hat, um den Weg zur Schule antreten zu können. Auch die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an den Klassen ist nicht konstant und hängt davon ab, ob sie sich den Weg und die Materialien leisten können oder ob sie für sich selbst oder ihre Familien Geld verdienen müssen. Nur ein knappes Drittel der Jugendlichen wechselt nach der Grundschule auf eine weiterführende Schule. Unter jungen Frauen beträgt diese Anteil sogar nur ein Fünftel. Nicht zuletzt deswegen beträgt die Alphabetisierungsrate in der Bevölkerung über 15 Jahre nur etwa zwei Drittel.

Über diese einfachen Zahlen hinaus bekommt die Bedeutung von Bildung vor dieser Grundschule in Kawempe ein neues Gewicht und eine neue, viel greifbarere Dimension, für mich. Man spürt hier auf dem Schulhof der Grundschule, genauso wie überall in den Straßen des Stadtviertels, regelrecht die Energie der vielen jungen Menschen, die man überall sieht und trifft. In Gesprächen bekommt man schnell mit, dass sie alle nach Wegen suchen, sich eine eigene und selbstbestimmte Zukunft aufzubauen und die Armut, die Unsicherheit und das Gefühl der Machtlosigkeit hinter sich zu lassen. Ohne groß nachzudenken wird einem schnell klar, dass in einem Land, in dem die Mehrheit der Menschen unter 15 Jahre alt ist, die Zukunft der Gesellschaft davon abhängt, ob es gelingt, diesen Menschen eine Perspektive zu geben. Ein Perspektive, die es ihnen erlaubt, Kawempe oder ähnliche Orte eines Tages für immer zu verlassen und etwas eigenes aufzubauen und weiterzugeben.

Ich schaue Geofrey an. Er scheint das Gleiche zu denken.